Die Ilsensage

Etwas unterhalb der inneren Toranlage von Burg Ranis liegt die Ilsenhöhle, zwei ursprünglich miteinander verbundene, etwa 10 m tief in den Berg hineinreichende Felsspalten. Bei mehreren Grabungen in den 1930'er Jahren konnten frühsteinzeitliche Siedlungsspuren festgestellt werden, doch der Volksmund berichtet noch von anderem:

   "Als die letzten Cliden als arge Raubritter auf dem Clidenfelsen bei Oelsen hausten, hatten sie ein einziges Kind, Ilsa mit Namen. Diese floh die rauhen Männer, und da sich ihr einst auf einsamer Wanderung eine Höhle des Felsens öffnete, folgte sie den herausdringenden harmonischen Tönen und fand im Dämmerlicht darinnen eine weite herrliche Gegend und eine Unzahl tanzender und jubelnder Kinderchen. Es war das Volk der Heimchen. Diese liebkosten die Angekommene und zeigten ihr die den Riesen abgenommenen unermesslichen Schätze. Da waren Bäume von Silber, Früchte von Gold, und allerlei Edelgestein bildete Blätter und Blüten. Ilsa schmückte sich mit den ihr dargereichten Blumen, und wie sie endlich eine Menge goldener Schafe erblickte samt einem goldenen Schäferstab und Schäferhund, bat sie, ihr diese Schafe immer weiden zu lassen. Freudig wurde ihr zugesagt, nur solle sie keins der Schafe verloren gehen lassen und nimmer auf die Oberwelt zurückkehren wollen, dann werde sie immer in Jugendfülle prangen und alle ihre sonstigen Wünsche sollten gewährt sein.

   Lange dauerte dies in Glück und Zufriedenheit; die Lust nach der Oberwelt kehrte aber doch endlich auch bei Ilsa wieder. Um sie zu zerstreuen, gab man ihr zwei hübsche Nixentöchter aus dem nahen Krinnelsloche zur Gesellschaft, doch flehte sie die trauernden Heimchen bald von neuem um nur einen Blick auf die Oberwelt an. Man führte sie endlich an den Ausgang - die Befürchtung der Heimchen aber war nur zu begründet. Blauer Himmel und Sonnenschein machten einen mächtigen Eindruck auf Ilsa, so mächtig, daß sie bald alles andere darüber vergaß und nur noch am Eingang saß, den sie nicht überschreiten durfte. Als nun die Anwohner die hohe Jungfrau dort gewahrten, dünkte sie ihnen eine Erscheinung aus der Götterwelt. Erfurchtsvoll nahte man, und da Ilsa in ihrem Nachsinnen Antwort gab auf alle Fragen, wurde sie bald als Weissagerin in der Gegend betrachtet und verehrt. Wiederum blieb es so viele Jahre.

   Zu Ilsa kam aber einst Bilbze, ein Weib aus dem nahen Godaminsteiche, der bösen Geistern geweiht war. Diese löste den Zauber, der Ilsa festhielt, und überredete sie, mit Herde, Hund und Stab herabzusteigen ins Tal, und Ilsa tat es unter den nachhallenden Klagetönen der betrogenen Heimchen. Durch die reizenden Gaue trieb nun Ilsa ihre Herde drei ganze Menschenalter lang, allen war sie hilfreich und allen war sie eine erfurchtgebietende Erscheinung. Nur ein Riese, der sie von seinem Sitze aus, dem Rombergfelsen, erschaut hatte, entbrannte alsbald in Liebe zu ihr, und da seine Anträge stolz zurückgewiesen wurden, verwandelte sich seine Liebe endlich in Haß. Er kündigte ihr an, daß sie weidend sein Gebiet beschritten habe und somit seinem Zauber verfallen sei und bannte sie hierauf tief hinab in die Räume der Burg Ranis.

   Dort hütet sie noch heute ihre goldenen Schafe, und nicht eher wird der Bann gelöst sein, als bis die von den christlichen Glocken in die alten Grabhügel verscheuchten Heimchen wiederkehren in ihr Reich und noch einmal in ungleichem Kampfe die Riesen besiegt haben werden. Dann erst darf die Ilsa wieder durch Clidens Fluren und bis an die Grenzen des Heimchenreiches ihre goldenen Schafe führen. Inzwischen ist ihr vergönnt, bei wichtigen Ereignissen den Burgbewohnern bedeutungsvoll zu erscheinen, und auch ein nächtliches Pochen in der Tiefe schreibt man der ungeduldig auf Erlösung Harrenden zu, indem sie mit ihrem goldenen Stabe auf den Boden stoße."


P.S.: Sollten Sie eine andere Version der Ilsensage kennen, dann würden wir uns freuen, wenn Sie sie für uns aufschreiben und uns zuschicken könnten!

Förderkreis Burg Ranis e.V.
z.Hd. Herrn Bernd Schneider
Pößnecker Strasse 49
07389 Ranis
E-Mail